explosive Gedanken

8 04 2008

Platzhirsche sind kein schöner Anblick.





Eisenhelme im Februar

1 02 2008

Ich war wieder am Blättern durch mein Herkunftswörterbuch als ich auf den Isegrim stieß.
Isegrim?
War das nicht der Wolf?
Man trifft ihn heutzutage wohl öfter in den Kreuzworträtseln als in den Märchenbüchern.

Seit dem 10. Jahrhundert ist Isangrim ein Männername, der so viel heißt wie „Eisenhelm“. Der Namensteil „grim“ wird hier noch als Helm oder Maske verstanden, was man auch am Wort „Grimasse“ sehen kann. Die Zeit kam und ging und aus dem Mann Isangrim (hört sich stark nach einem Zwerg aus Terry Pratchetts Scheibenweltromanen an) wurde der Märchenwolf Isegrim. Der ist schon eine Spur ‘grimmiger’ – vielleicht weil die Gebrüder Grimm ihre Hände ihm Spiel hatten.

Hm, ganz nett, denke ich. Doch wo ist sein viel beeindruckenderer Freund der Fuchs Reineke? Ich kann mich noch erinnern, dass ich seinen Volksnamen „Reineke“ als erstes von meinem alten Physiklehrer zu hören bekam. Wie es dazu kam ist mir auch rätselhaft. Jedenfalls findet man Reineke so nicht im Herkunftswörterbuch. Dabei war er mein großes Vorbild in jungen Jahren: In den verzwicktesten Lagen sich mit Wörtern den Weg freizukämpfen und dann besser als zuvor aus der Geschichte herauszugehen – das kann und lehrt Reineke. Und wäre ich klüger gewesen, hätte ich schon damals seine gewieften Reden und Tricks analysiert und auswendig gelernt. Man trifft nicht oft einen Meister.

Also führt die Reise zu Wikipedia, wo es anscheinend für alles Experten gibt. Ich versuche mich nicht mehr zu wundern und tue es doch immer wieder. In Wikipedia findet man ganz sicher einen Menschen, der die Geschichte der Streichholzschachtel exakt nachverfolgt hat, auf die Schachtelgestaltung derart eingeht, dass selbst noch Kunstlehrer davon inspiriert werden könnten und alle Stellen aus der Literatur, in der auch nur ein Streichholzschächtelchen zu Boden fällt, zitieren kann. Eine Schatzgrube. So habe ich auch diesmal Glück und finde einen ausserordentlich lesenswerten Artikel zum Reineke Fuchs.

Jetzt weiß ich wirklich alles über ihn. Doch bin ich so gefüllt mit Details, dass ich nicht weiß, wie ich es am Besten wiedergeben soll. Es sei hier nur gesagt, dass der Name Reineke aus der Komposition aus regin- (=Rat) und -hart (=stark, kühn) besteht. Wer den Text liest, wird wissen, was ein Malepartus ist, warum ein Illustrator Hand in Hand mit dem verkleideten Cotta’schen Verlagsgreifen spazieren geht und wieso der gerissene Fuchs sowohl Goethe als auch Aesop beschäftigt hat.

Zurück zum Buch. Vielleicht finde ich ja unter Fuchs noch etwas interessantes? Und hier bemerke ich, dass mein Gedächtnis wirklich sensationsbedürftig ist. Ich habe den Artikel verschwommen in Erinnerung, doch steht dick mein Fazit „enttäuschend“ darunter. Dabei ist der Artikel recht ausführlich und behandelt sogar die Bezeichnung als Reineke. Wahrscheinlich hatte ich damals einfach eine große Geschichte erwartet anstatt der lapidaren Erklärung, dass „Fuchs“ „der Geschwänzte“ bedeutet. Der Geschwänzte – wird das dem Bild von einem Meister des Wortes und der feingesponnenen List gerecht? Ich finde nicht. Aber womöglich schätzt man den Fuchs auch nicht so sehr, wenn er ständig das Mittagessen mopst. (‘Sich mopsen’ steht für sich langweilen, bzw. sich ärgern und wer möpselt, der riecht muffig. Was man alles lernen kann, wenn man sich bei der Anzahl der „P“s nicht sicher ist…)

Zum Abschluss schaue ich noch, wenn ich schon beim eher unauffälligen, aber netten Buchstaben F bin, beim Februar vorbei. Bin ich eigentlich allein mit meiner Angewohnheit, den Buchstaben und Zahlen irgendwelche Eigenschaften zuzuordnen? Ich finde M einfach sehr sympathisch. Doch der Februar enthält kein M, dafür eine nette Hintergrundgeschichte. Bis zum 16. Jahrhundert hieß der zweite Monat des Jahres Hornung oder Sporkel. Sporkel gefällt mir wirklich, viel besser als die strikte Durchnummerierung der Römer besonders gegen Ende des Jahres.

Februar ist ein Reinigungsmonat, im altrömischen Jahreskalender der letzte Monat vor dem Beginn des neuen Jahres, das die Iden des Märzes mit sich bringt, die Sylvesterparties der Römer. Und hier muss ich sagen, haben die Römer mal wieder ihren Sinn fürs Praktische bewiesen: Klar, dass jeder Aufräumen will und angestaute Erinnerungen entrümpelt, um Platz für das neue Jahr zu schaffen. Doch wer schon mal die zwei Stunden „Helligkeit“ zum Dachbodenaufräumen nutzen wollte, sich unter lebensfeindlichen Bedingungen mit mehr als nur Rückenwind mit seinem Altpapierkorb zum Container durchkämpfen musste, der wüsste den Februar als Bilanzmonat mit Reinigungswirkung zu schätzen. Nochzumal dann sowieso wieder Frühjahrsputz ansteht. Bei der anschließenden großen Neujahrsfeier würde man sich zudem nicht die Handschuhe versauen, beim Versuch, die Sylvesterböller vom gefrorenen, heiligen Schwabenländleboden zu entfernen.





Karfunkel und Furunkel

10 01 2008

Ich liebe die Etymologie (= Wortherkunft) wegen der Geschichte, die sie den Wörtern gibt.
Diesen Beitrag könnt ihr euch unter dem Punkt „Vorlese-Archiv“ in der Seitenleiste von mir vorlesen lassen!

So ist vielleicht dem ein oder anderem der Begriff „Karfunkel“ bekannt. Ich kenne es nur von dem Buch „Mein Freund Karfunkel“ (1979) von Rosel Klein, in dem ein Mädchen sich nach anfänglichem Hass mit dem Sohn des Direktors namens „Himmelsbach“ anfreundet. Da sieht man mal wieder, was man sich alles ungewollt merkt. Besonders dieser außergewöhnliche Name blieb hängen, den nun übrigens auch der Oberbürgermeister meines Heimatbezirks Heilbronn (wer’s nicht kennt, hat nichts verpasst) trägt. Doch was der Name Karfunkel bedeutet, wurde im Buch nicht enthüllt und so verbinde ich den Namen mehr mit einer unangenehmen Hauterscheinung: dem Furunkel.
Dank meines Lieblingsbuches, dem Duden Herkunftswörterbuch, mit der mythischen Seriennummer 7, konnte ich diese eklatante Wissenslücke, über die Günther Jauch sicher den Kopf geschüttelt hätte, ausfüllen:

Mit „Karfunkel“ bezeichnet man feurig rote Edelsteine. Ursprünglich aus dem Lateinischen entlehnt „Carbunculus“ (–> Karbon-…) wurde es mit dem deutschen Götterfunken im Hinterkopf umgewandelt in Karfunkel.
Dieser Stein war mit Sagen umgeben, wie uns die Gebrüder Grimm lehren. Er wuchs als Heil- und Zaubermittel im Schädel des Einhorns, im Gehirn der Kröte, sogar im Magen des Kapaunen (kein Wunder, dass ihn heute kaum einer mehr kennt. Wer sucht schon dort danach?). Als Tinkturschatz in der Alchemie gepriesen, fand er auch viel Wertschätzung unter den romantischeren Schreiberlingen. Albertinus: „Der karbunkl ist fewrfärbig und scheinet dermaszen, dasz sein glanz so gar durch die nacht nit kan uberwunden werden.“ (der welt tummel- und schauplatz; München 1612: 839)

Und was macht man mit neuem Wissen? Genau man freut sich, wenn man dadurch die Fehler anderer Leute entlarven kann und die Welt ein bischen besser versteht. Bestes Beispiel bei der Google-Suche nach dem Karfunkel-Buch: Sir Arthur Conan Doyles „Der blaue Karfunkel“. Da wusste wohl auch die Übersetzerin die genaue Bedeutung nicht mehr.

Aber eine Lysann will es genau wissen: Woher kommt nun das Wort Furunkel?

In der Wortabteilung F stoße ich auf einen besonders großen Abschnitt der zu dem gesuchten Wort gehört. Treffer! Das bedeutet nämlich, besonders viel Geschichte und Assoziationen. Lassen wir uns mal in die Geschichte des vernachlässigten Furunkels führen:

Im 16. Jahrhundert – wie so vieles aus den lateinische Gefilden gewaltsam ins germanische Reich rübergezerrt – wurde unser sympathisches Wort für „Eitergeschwür“ vom lateinischem furunculus entlehnt. Wie wir alle wissen, oder zumindest ich nach mehreren Jahren Unterricht wissen sollte, ist Furunculus eine Verkleinerungsform von der Stammform „Fur“, dem Dieb. Wir haben es also mit einem „kleinen Spitzbuben“ (Duden) oder Diebchen zu tun. Nachgewiesen ist auch die Bedeutung als „Nebenschössling“, aus dem Gebiet der Rebstöcke. Das führt zu der Theorie, dass Winzer das Wort ‘Furunkel’ ähnlich wie ‘Geiz’ (im Sinne von ’schmarotzender Trieb’) ursprünglich scherzhaft gebrauchten, weil die kleineren Nebentriebe des Rebstocks dem Haupttrieb den Saft ’stehlen’.

Und was haben nun Rebstöcke mit unseren heutigen Furunkeln zu tun?
Wohl weil ein Geschwür dem Auge am Rebstock ähnelt und eine Blutkonzentration um den Eiterherd bewirkt – also somit Körpersäfte moppst – übertrug ein phantasievoller Arzt den Begriff auf die Entzündung.

Dies war also der langversprochene etymologische Abstecher in die tiefsten Tiefen des verborgenen Wortsinns. Konnte ich euer Herz nicht mit meiner Geschichte über Furunkel erwärmen, so sollen Goethes Worte für mich sprechen:

„doch ich fühle schon erbarmen
im carfunkel deines blicks.“





Dieburgs Maria

2 12 2007

Die heilige Maria steht andächtig auf ihrer Säule. Auf kleinstem Platz sich vollkommen ausbreitend, verstrahlt sie Geborgenheit und heilige Stille. Um sie herum zieht sich ein Kreis aus Rosen, die sich von ihrer Kraft nähren. Braun dürre Ranken sind es jetzt, eher beschützend ziehen sie sich knarrend enger um die Marie, damit sie nicht friert, so wie sie. Der Wasserring, der die heilige Maria umschloss, ist vertrocknet.
Wenn im Sommer Sonnenstrahlen aus dem Wasser über ihr Gesicht schimmern, wie mag es sich wohl anfühlen?

Was der Name Maria bedeutet, ist nicht einstimmig geklärt. Es tauchen sowohl Erklärungen wie „die von Gott geliebte“ oder „die Widerspenstige“ sowie „die dem Meer entsprossene“, „die Betrübte“ oder auch „die Schöne“ auf. Wie weit doch diese Eigenschaften auseinander liegen. Es dokumentiert, wie viel in dieses alte Frauensymbol hineininterpretiert wurde.
Das Zeichen der heiligen Marie ist die Rose. Wie innig diese Verbindung ist, zeigt folgende Geschichte:
Auf einem alten Friedhof waren Grabmale zu finden, die zu verwittert waren, um sie einem Namen oder einer Zeit zuzuordnen. Doch ungeachtet ihrer Vergessenheit, blühte eine Rose auf einem einzelnen Grab. Ein Rosenkenner entdeckte sie und konnte feststellen, dass es sich um eine sehr alte Sorte aus den Anfangstagen der Rosenzüchtung handelte. Zu Goethes Lebzeit blühte sie dort und schmückt und schützt noch immer das Grab.

Etwas abseits der Groß-Umstäder Hauptstraße ist die Dieburger Maria zu finden. Nur wer sucht sie?