Das Wasser steigt

19 01 2008

Nach den eher erbaulichen und unterhaltsamen Themen der letzten Zeit wieder etwas Tiefgründiges.

Einmal die Woche ist es soweit. Ich liege am Strand, betrachte die Landschaft und plötzlich spüre ich lauter werdende Panik. Ich suche nach dem Auslöser, ebenfalls von leichter Panik erfasst und sehe es: Das Wasser beginnt rasend schnell zu steigen. Schon sind die ersten Handtücher im Meer verschwunden. In der Eile versuche ich einzuschätzen, was von meinen Sachen ich mitnehmen soll, raffe es zusammen und renne was das Zeug hält, tauche in der davonjagenden Menschenmasse unter.
Diesmal rannte ich in die Stadt, die auf einem Hügel lag. Je mehr sich die Straßen verzweigten, umso weniger Menschen waren zu sehen; bis ich schließlich alleine rannte. Ein Blick zurück und ich sah, dass der gesamte Strand fehlte, alles ertrunken. Ich schaute nach soliden Hochhäusern Ausschau – meine neuste Taktik. Im Aufzug traf ich vier andere Unbekannte auf der Flucht. Und wir sahen, wie das Wasser stieg, über die Straßen, Dächer untertauchend, das nächste Stadtviertel ergreifend.

„Das ging ja nochmal glimpflich aus“, ist mein Gefühl. Am Schlimmsten ist es immer, wenn ich alleine auf einem Fels stehe und um mich herum nur Wasser. Nichts mehr außer Wasser. Und ich denke an all die Menschen, die es nicht geschafft haben und frage mich, wieso ich es überlebt habe.

Ja, in der Regel kann ich mich sehr gut an meine nächtlichen Träume erinnern. Sogar so gut, dass ich die Wege und die Anordnung der Gebäude in meiner Traumwelt kenne, auch wenn sie nicht der Realität entsprechen, sondern eben meinen unterschwelligen Eindrücken von den Gebäuden. Ich träume jetzt schon länger als vier Jahre in unterschiedlichen Abständen von der Überschwemmung. Aber trotz Psychologie, Esoterik und Traumdeutung komme ich nicht näher ran. Immer wieder versuche ich die Bedeutung herauszufinden. Und ich denke auch ab und zu ich hätte sie. Bis ich wieder sehe, wie das Meer sich erhebt. Aus dem Nichts.

Mittlerweile bin ich müde geworden. Ich habe kaum noch Lust, mich an meine Träume zu erinnern. Jeder Traum, in dem kein Wasser vorkommt, wird gefeiert. Am Schönsten sind Träume, in denen ich fliegen kann. Aber die habe ich nur dreimal im Jahr. Feuer oder Fallträume habe ich eigentlich nie.

Und was es für schöne Deutungsansätze gibt! Von der Version des Blasendrucks, dem Körpersignal, das in Bilder umgesetzt wird, über zur Empfehlung einer Therapie, weil Überschwemmungen ein deutliches Zeichen einer Psychose seien. Oder die Deutung, dass ich mich von mir selbst entfremdet habe und das Wasser meine gesammelten Gefühle – meine Seele überhaupt sei. Ich müsse wieder lernen, Empfindungen an mich ranzulassen. Wer mich kennt, weiß, dass ich eher am Gegenteil leide. Darum die andere Theorie, „du empfindest zu viel! Deine Gefühle überschwemmen dich“. Aha und jetzt?

Nirgends findet man einen brauchbaren Ratschlag. Soll doch einer sagen: „Stellen sie sich das nächste Mal eine Luftmatratze vor, pusten sie sie gemächlich auf und dann können sie ganz entspannt über das Meer treiben“. Und was ist mit den vielen Toten? Schon von der Masse des Wassers her, ist es unmöglich, einen Damm zu bauen. Man kann doch nicht alle Meere zumauern?! Oder alle Menschen auf einem Turm halten? Und obwohl es nur ein Traumproblem ist, verzweifle ich doch daran, es nicht lösen zu können.

Weitere Deutungsansätze sollen nicht vorenthalten werden:
„Die Überschwemmung ist Symbol für eine grundlegende innere Wandlung, die mit erheblichen Selbstzweifeln und Ängsten einhergeht. Am Ende findet man aber wieder zum richtigen Lebensweg und zur gewohnten Selbstsicherheit zurück.“ (Ahja, darf man fragen, was denn sich genau wandelt oder wäre das zu konkret?)
„Wenn man sich mitten in einer Hochwasserflut befindet, verweist dies darauf, daß man sich von diesen Emotionen überwältigt fühlt.“(Wer wäre das nicht, bei diesem Anblick?!)
„Tiefenpsychologisch deutet man Überschwemmungen als bewußte Inhalte, die das Bewußtsein plötzlich überfluten,- wenn das Wasser dabei trüb aussieht, kann das gefährlich werden.“(Glauben die, ich hab beim Rennen noch Zeit ins Wasser zu gucken und es zu analysieren? Es ist verdammt schnell!)

Zum Abschluß meine Lieblingsdeutung: „Welche unbewussten Inhalte es sind, kann man nicht sagen. Es kann sich dabei um alles Mögliche handeln. Aber eins ist klar: Fortlaufen geht nicht. Auf die Dauer bleibt dir nichts anderes übrig, als dich dem zu stellen, was derzeit noch den Weg vom Seelengrund zum Bewusstsein nicht findet. Wie das zu schaffen ist, ist natürlich eine ganz andere Frage!“
Vielen Dank.





Nachtzeit

27 12 2007

Auf Wissenschaft.de habe ich einen Artikel entdeckt, in dem Forscher belegen konnten, dass man Nachts so anders agiert, weil die Gefühle vom Verstand losgelöst sind. Das unterstützt meine These, dass das Tiefste nachts erscheint.
Sich zu verlieren in der Dunkelheit und plötzlich genau zu wissen welches Gefühl einen treibt, in einem Bild zu ertrinken oder die Worte in Tinte fließen zu lassen. Am Morgen darauf sind uns die Werke der Nacht meist fremd. Wir lassen uns verleiten zum Träumen, zum Schweben und finden uns selbst. Dinge, die ich in der Nacht schreibe sind Offenbarungen am Tag. Die Versuchung nur noch nachts zu leben ist immens. Doch wie ist es vereinbar nachts in die Tiefen der Welt einzutauchen und am nächsten Morgen aktiv an der hellen Welt teilzunehmen? Für mich ist es eine Entscheidung, denn beides geht nicht.
Als ich bei Bertrandt gearbeitet habe, musste ich früh aufstehen. Die Pflichten wurden vormittags erledigt, der Tag endete um 17 Uhr mit geistiger Erschöpfung, Essen und TV – das war das Leben das übrig blieb. Und in München? Da hatte ich Wochen für mich und lebte die Nacht, schlief wie es kam, aß wenn es sein musste, doch die Dunkelheit war mein. Die Isolation, der Sternenhimmel, die endlosen Gefühlswüsten, aufwühlende Bilder – sich zu verlieren ist so einfach. Man will nicht mehr auftauchen, alles wird intensiver und schärfer, der Blick wird individueller, das Gefühlsleben übermächtig.

Jetzt hat mich das Helle wieder, aber eines Tages…