Der Tag steigerte sich durch diverse Stadien der Genervtheit bis hin zum finalen Siedepunkt:
Dem Zusammentreffen mit meiner Mitbewohnerin – dem Endgegner sozusagen (für alle Nicht-Zocker: Der letzte und stärkste Gegner im Spiel). Eine Person, die es perfektioniert hat, jeden auf seine Fehler hinzuweisen und einen in zwei Sekunden in den dreckigen Boden der Weltuntergangsrealität zu treten. Wer zu fröhlich ist und unvorsichtig sich beim Lächeln erwischen lässt, darf sich auf eine kleine Belehrung gefasst machen, die sie immer großzügig verteilt. Aber sie studiert ja Lehramt und da steckt die unbegründete Überlegenheit bereits im Blut. Nett und sozial wie man ist, raunzt man harmlos ein bischen zurück und fühlt sich dabei schon unverhältnismäßig aggressiv.
Doch heute ist es anders. Ich bin _wirklich_ schlecht drauf. Wer mich anschaut, würde sich ducken. Meine Mitbewohnerin nutzt die Gelegenheit und taucht auf:
„Aber du weißt schon, dass du da ‘nen Deckel draufmachen musst?“
Das Gefährliche hierbei ist, dass man sich dafür auch noch entschuldigen will und sagt: „Ja, ich musste noch schnell die Tür aufmachen“. Aber das ist die falsche Strategie. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, sie mit unbewegten Gesicht anzustarren. Vielleicht merkt sie ja selbst, dass es sie nichts angeht. Sollte dies der Fall sein, lässt sie sich jedoch von dieser Stimme in ihrem Kopf nicht stören. Heute ist meine mentale Reaktion besonders heftig. In meinem Kopf schreit es: „Das geht dich einen Scheißdreck an!“, „Wenn interessiert’s?!“ „JA, ICH WEIß!!“ oder ich sage „Nein, mit dem Deckel hatte ich was anderes vor“ und gehe dabei langsam auf sie zu…. doch ich kann mich noch irgendwie halten. Murmel was in mich rein. Versuche nicht zu intensiv auf die Messerschublade zu schauen und verziehe mich auf das Sofa vor dem Fernseher, das direkt neben der Küche steht.

Rechts: meine Mitbewohnerin; Links: ich
Eine weitere Spezialität von ihr ist das ewige Einmischen, wenn man sich mit jemanden unterhält. Ich frage wenig später meinen Mitbewohner, ob ich was von seinem Kuchenteig probieren darf. Wer antwortet? Klar, die Hoheit des Raumes: „Nein, kannst du nicht.“ Das sind dann nur noch Holzscheite in ein bereits lichterloh brennendes Stadtviertel, das einmal meine soziale Rücksicht war. Doch ich kann nichts tun, da ich nicht alleine mit ihr bin. Also drehe ich den Fernseher lauter, um mich abzureagieren. Eine wunderbare Gartenmaschine wird gerade angepriesen und in meinem Kopf probiere ich bereits die leichte Bedienbarkeit und die garantiert scharf bleibenden Schneideaufsätze aus.
Einen Spruch, den sie gerne bringt: „Willst du dich ernsthaft mit mir streiten? Dann sitzt du nachher aber heulend auf deinem Zimmer!“ Ha, und wie ich will.
Ich stelle mir vor, wie beim Aufstehen mein nettes Ich auf der Couch sitzen bleibt und so tut, als würde es nichts mitbekommen. Mein böses Ich erhebt sich zum Kampf. Noch ein bescheuerter Kommentar und ich hole aus. Es ist, als ob ich nur auf sie gewartet hätte, die Krönung meines Tages. Heute bin ich in keiner „Lass uns alle Freunde sein“-Stimmung. Ich merke, wie ich sie herausfordernd anschaue – los, sag was. Irgendwas und ich mach dich fertig.
Doch sie sagt nichts und schaut wieder auf die Zigarette, die sie sich gerade dreht. Mist.
Und das ist der Grund, warum ich mich hier mit lauter Musik abreagieren muss. Da hilft kein Disneysong mehr. Harte Musik reinhauen, den Kämpfer rauslassen und wenn es nur dafür ist, sich selbst zu beweisen, dass man noch Krallen hat.
Ich dachte immer, ich sei leicht einzuschüchtern. Aber danke, liebe Mitbewohnerin, du hast mir gezeigt, dass dem nicht so ist. Ich habe es mir abgewöhnt vor verletztenden Kommentaren zurückzuschrecken. Denn wer die Fehler der Anderen fleißig sucht und täglich neu auslatscht, ein Sozialverhalten einer Gottesanbeterin an den Tag legt, sollte sich nicht über mangelnden Humor wundern.
Ich bin dankbar. Sie bringt mich an meine Grenzen – und sie werden immer weiter. Ich halte mehr Reibereien aus und weiß, wie ich damit umzugehen habe. Ich lasse es mir nicht mehr gefallen, wenn jemand seine beschissene Laune an mir auslässt. Ich habe gelernt, dass ich nicht mit allen klarkommen muss, auch wenn ich täglich mit ihnen zu tun habe.
Fazit frei nach Christuina Arguilera: „So thanks for making me a fighter!“.

Ich bin die Gabel und ihr die Nächsten!
Kommentare