Die Handtaschengeschichte [Prelude]

25 05 2008

Blush of StormroseEs war einmal ein Lippenstift. Wie so viele Lippenstifte lebte er an einem dunklen Ort. Genauer gesagt in der Handtasche einer Frau. Immer an seiner Seite die Taschentücher und der Schminkspiegel. Die Taschentücher waren überaus schweigsam und bekannt für ihre völlige Ignoranz hinsichtlich der Ästhetik. Stets in eine enge Plastikhülle gequetscht konnten sie auch nicht viel mehr als schweigen, denn sie mussten sparsam mit der Luft umgehen. Dafür, dass es nicht zu ruhig im Täschchen wurde, sorgte der Schminkspiegel. Da er stets zusammengeklappt war, reflektierte er nur sich selbst. Tag und Nacht. Soweit man das vom Innern einer Tasche aus unterscheiden konnte. Es war also nicht verwunderlich, dass der Lippenstift von einem besseren Leben träumte. Schließlich hieß er auch „Blush of Stormrose“. Wer einen solchen Namen trägt, kann doch nicht sein ganzes Leben im Inneren einer Handtasche verbringen? Und wenn er wieder von der Welt da draussen träumte, von der er nur kurze Augenblicke erhaschte, auf den Weg zu den Lippen hoch und wieder zurück – war er sich sicher, dass sein Tag kommen würde. Er hatte viel nachgedacht. Man sagte ihm nach, er sei ein eher in sich gekehrter Lippenstift – was wohl stimmte. Wenn er nur in den Momenten, in denen er mit den Lippen verschmolz, der Leidenschaft widerstehen könnte und den Ausblick nutzen, dachte er oft. Doch sobald er auf die fein ziselierten Lippen ansetzte, konnte er nicht anders, als die Augen zu schließen und sich ganz dem Schwung der Lippen hinzugeben. Ein hoffnungsloser Fall, sagte der Schminkspiegel dann immer und seufzte schwer. „Ich habe dir doch gesagt, dass du die Chance nutzen musst!“ Und wenn er dabei „ich“ sagte, betonte er es doppelt stark, als spräche seine Spiegelung mit. „Wie willst du denn zu deinem Abenteuer kommen, wenn du nicht auf das hörst, was ich dir sage? Aber auf mich hört eh nie jemand!“ Und der Lippenstift wusste, dass der Spiegel in diesem Moment sein Spiegelbild prüfte, um zu sehen, ob er leidend genug aussah.

Was für Abenteuer gibt es überhaupt für Lippenstifte, mag sich der geschätzte Leser fragen. Nun, die Taschentücher hatten aus einer vorherigen Tasche das Gerücht, dass ein Lippenstift einmal aus der Tasche gefallen sei. Aber selbst dann sind sie gewissermaßen blind und schutzlos den schwarzen Absätzen ausgeliefert. Es gab auch Lippenstifte, die für eine einzige Fotografie herausgepult und zerrieben wurden. Andere wurden öffentlich zur Schau gestellt – nackt – und mussten sich an jede Lippe werfen, egal ob der Farbton passte oder nicht. Das Schlimmste, was einem Lippenstift passieren konnte. Wieder andere berichteten von wahren Paradiestaschen, gefüllt mit allen erdenklichen Farben. Wenn man Glück hatte, traf man sogar Familienmitglieder. Neuerdings gab es jedoch mehr und mehr dieser jungschen Dinger, bei denen man alles sehen konnte! Eine Schande für die gesamte Lippenstiftkultur. Doch sie waren in Mode, zeigten sich überall, klebten schrecklich, ihr Gestank war unerträglich und wahrscheinlich hatten sie auch noch viel mehr Spaß. Aber eins machte das Ganze erträglicher: Sie konnten zwar alles sehen, auch wenn sie nicht herausgeschraubt oder geöffnet wurden, aber da sie die meiste Zeit in der Tasche waren, brachte ihnen ihre Sehkraft erstens nichts und zweitens nutzen die eifersüchtigen Taschenbewohner die Chance und starrten die durchsichtigen Lipglosse unerbittlich an.


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7 Antworten

25 05 2008
Stefan

Ich habe zwar mal bei Estée Lauder gearbeitet, aber ich glaube, ich werde Lippenstifte nie wieder so sehen können wie früher. Danke, das war wirklich schön geschrieben.

25 05 2008
oftmj

Wow, bin begeistert :)
Woher nimmst du deine Ideen? Seit ich deinen Beitrag gelesen habe wirken all meine Gegenstände lebendig. Wirklich sehr schön erzählt

Lg

25 05 2008
Lysann

Ich schätze, das spricht für eine Fortsetzung der Geschichte? :)
Auf jeden Fall danke für euer Lob. Fühle mich richtig geehrt!

Aber da sieht man es wieder: 2 Uhr nachts-Geschichten sind die besten.

29 05 2008
Heike

Wahnsinn, deine Idee!
Sehr schön unterhaltsam geschrieben. Was machst du eigentlich am Tag, wenn du in der Nacht schreibst?
Weiter so!

30 05 2008
janet

ich finde die geschichte echt witzig geschrieben. Du kannst echt gut schreiben schwesterherz! ich wollte dir auch noch alles gute zum geburtstag ich wünsch dir tolle jahre gesundheit weitere tolle zeiten mit deinem freund und einfach spaß freude und mehr. So jetzt hab ich dir auch mal ein kommentar geschriebn sei zufrieden auf deine schwester hab dich mega doll lieb janet

30 05 2008
Lysann

Wow! :D
Vielen Dank, Schwesternherz!
Ein Kommentar von dir wird natürlich golden gerahmt! :D

4 06 2008
janet

Bütte Bütte immer gern ich find deine geschichten einfach zu toll das ich einfach überwältigt war und dir einfach kein kommentar scheiben kann tschuldige. Trotzdem hab ich mich überwunden und dir diese 2 kommentar geschrieben und ich wollte dir noch sagen hab dich echt gan doll lieb und vermiss dich. Freu mich schon wenn wir wieder im auto sitzen und singstunden einlegen also bis bald deine KLEINE schwester Janet

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